Zwischen Markt, Verantwortung und Wirkung
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Nachhaltigkeit konkret umsetzen
Das Zusammenspiel dieser drei Aspekte der Nachhaltigkeit zeigt das Beispiel der Beschaffung von Bekleidung. Die Herstellung von Textilien verursacht einen hohen Verbrauch an Wasser, Energie und Chemikalien und belastet damit die Umwelt. Gleichzeitig erfolgt ein grosser Teil der Produktion in Ländern mit tiefen Lohnkosten, in denen die Einhaltung von Arbeits- und Menschenrechten nicht überall selbstverständlich ist. Öffentliche Auftraggeber müssen verantwortungsvoll mit öffentlichen Mitteln umgehen und gleichzeitig hochwertige und langlebige Produkte beschaffen.
Die Formulierung entsprechender Anforderungen ist anspruchsvoll. Nachhaltigkeitskriterien müssen sachlich begründet, transparent formuliert und überprüfbar sein. Anstelle allgemeiner Absichtserklärungen braucht es konkrete Anforderungen und geeignete Nachweise. Nur so lassen sich Nachhaltigkeitsziele mit den Grundsätzen des öffentlichen Beschaffungsrechts in Einklang bringen.
Wirtschaftlichkeit neu denken
Lange Zeit stand im öffentlichen Beschaffungswesen vor allem der tiefste Anschaffungspreis im Vordergrund. Heute setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Wirtschaftlichkeit umfassender verstanden werden muss. Ein vermeintlich günstiges Angebot kann über seinen gesamten Lebenszyklus höhere Kosten verursachen – etwa durch eine kürzere Nutzungsdauer, höheren Wartungsaufwand oder einen grösseren Ressourcenverbrauch. Nachhaltige Beschaffung berücksichtigt deshalb neben dem Anschaffungspreis auch Qualität, Langlebigkeit, Reparaturfähigkeit, Ressourceneffizienz sowie die Entsorgung oder Wiederverwertung. Gerade bei Bekleidung simulieren beispielsweise Waschzyklen den Gebrauch, um die Gebrauchsdauer zu beurteilen und diese Erkenntnisse in die Bewertung einfliessen zu lassen.
Orientierung bei Labels und Lieferketten
Eine weitere Herausforderung stellt die Vielzahl an Nachhaltigkeitslabels dar. Im Textilbereich existieren zahlreiche Zertifizierungen und Standards mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Während einige den biologischen Anbau von Naturfasern in den Mittelpunkt stellen, konzentrieren sich andere auf schadstoffarme Produktionsverfahren oder auf soziale Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette. Für Beschaffungsverantwortliche ist es deshalb nicht immer einfach zu beurteilen, welche Labels tatsächlich aussagekräftig sind. Deshalb empfiehlt sich eine differenzierte Betrachtung: Beschaffungsstellen sollten prüfen, welche Umweltund Sozialstandards für sie relevant sind und welche gleichwertigen Nachweise sie zulassen können. Damit bleibt der Wettbewerb gewahrt und gleichzeitig wird sichergestellt, dass die angestrebten Nachhaltigkeitsziele erreicht werden. Hinzu kommt, dass Nachhaltigkeit nur beurteilt werden kann, wenn die Lieferkette ausreichend transparent ist. Dies ist insbesondere dann eine Herausforderung, wenn Produktion und Verarbeitung auf zahlreiche Unternehmen und verschiedene Länder verteilt sind. Für öffentliche Auftraggeber ist es deshalb entscheidend, nachvollziehen zu können, woher Rohstoffe stammen, unter welchen Bedingungen sie verarbeitet werden und ob Umwelt- sowie Sozialstandards entlang der gesamten Lieferkette eingehalten werden. Transparenz schafft die Grundlage für glaubwürdige Nachhaltigkeitsnachweise und ermöglicht es, Risiken frühzeitig zu erkennen und gezielt zu minimieren.
Nachhaltigkeit mit Augenmass
Mit ihrem hohen Beschaffungsvolumen kann die öffentliche Hand Märkte nachhaltiger gestalten. Werden jedoch Anforderungen definiert, die (noch) von kaum einem Anbieter erfüllt werden können, schränkt dies den Wettbewerb erheblich ein. Im ungünstigsten Fall steht die Beschaffungsstelle am Ende der Evaluation ohne ein gültiges Angebot da. Entscheidend ist, ambitionierte, aber realistische Kriterien festzulegen, welche Innovation fördern und gleichzeitig einen funktionierenden Wettbewerb ermöglichen. Ein frühzeitiger Marktdialog kann dabei helfen, das vorhandene Angebot besser einzuschätzen und Ausschreibungen praxisnah auszugestalten.
Nachhaltige öffentliche Beschaffung ist heute kein Zusatz mehr, sondern Bestandteil einer verantwortungsvollen Beschaffungspraxis. Sie verbindet Wirtschaftlichkeit mit Umwelt- und Sozialverantwortung und stärkt gleichzeitig die Vorbildfunktion der öffentlichen Hand. Erfolgreich ist sie jedoch nur dann, wenn ambitionierte Nachhaltigkeitsziele mit marktfähigen Anforderungen verbunden werden. Denn nachhaltige Beschaffung entfaltet ihre Wirkung nicht durch möglichst hohe Hürden, sondern durch Kriterien, die ökologische
und soziale Verbesserungen ermöglichen und gleichzeitig einen fairen Wettbewerb sicherstellen. •

Gabriela Küng-Werder ist Projektleiterin beim Bundesamt für Rüstung armasuisse und Spezialistin für öffentliche Beschaffung mit eidgenössischem Fachausweis. In ihrer täglichen Arbeit beschäftigt sie sich mit der Beschaffung von Bekleidung und Textilien und setzt sich für nachhaltige sowie zukunftsorientierte Beschaffungslösungen ein.