Künstliche Intelligenz (KI) in der Arbeitswelt
Publiziert am

Warum diesmal alles schneller geht
Frühere Technologietrends scheiterten oft an begrenzter Rechenleistung, fehlenden Daten oder mangelnder Nutzerakzeptanz. Heute ermöglichen Cloud-Infrastrukturen, Large Language Models und natürliche Sprache als Interface eine rasche und breite Adoption. Innovationszyklen verkürzen sich drastisch – Unternehmen, die abwarten, verlieren Wettbewerbsvorteile. Für den Einkauf bedeutet dies, dass Prozesse, Entscheidungen und ganze Tätigkeiten end-to-end automatisiert oder massiv beschleunigt werden können. KI kann nicht nur unterstützen, sondern ganze Tätigkeiten eigenständig durchführen, von Ausgabenanalysen über Sourcing bis zu Vertragsmanagement und Risikofrüherkennung.
Der Einkauf im Zeitalter der «Internet Wall»
Die sogenannte «Internet Wall» beschreibt den nahezu unbegrenzten Zugriff auf global verfügbare Daten in Echtzeit. Dazu zählen Websites, Social-Media-Beiträge, Videos, Logs, Dokumente und Datenbanken. In Kombination mit unternehmensinternen Informationen entsteht so ein mächtiger Wissens- und Entscheidungsraum. Klassische, starre Einkaufssysteme stossen dabei schnell an ihre Grenzen. Moderne Datenplattformen wie Snowflake sowie KI-gestützte Analysen ermöglichen hingegen eine agile, modulare Umsetzung innerhalb weniger Wochen. Daher arbeiten ERP- und Einkaufssystemanbieter zunehmend mit Datenplattformanbietern zusammen – auch diverse ProcurementStart-ups haben diesen Trend längst aufgegriffen. Der Einkauf wandelt sich dadurch vom reinen Prozessbetreiber zum daten- und entscheidungsgetriebenen Orchestrator, der auf Basis von Echtzeitinformationen schnell reagieren und strategische Entscheidungen treffen kann.
Neue Rollen, neue Kompetenzen
Das Anforderungsprofil im Einkauf verschiebt sich deutlich. Wo früher administrative Aufgaben dominierten, stehen heute strategisches Denken, Datenkompetenz und Veränderungsfähigkeit im Fokus. Neue Rollen entstehen, darunter:
• Procurement Intelligence Analyst: Analysiert interne und externe Daten, erkennt Trends und unterstützt datenbasierte Entscheidungen.
• Supplier Ecosystem Orchestrator: Koordiniert Lieferantenbeziehungen, fördert Kollaboration und Innovation innerhalb des Lieferantennetzwerks.
• AI & Trust Leader: Überwacht KISysteme, stellt Governance, Compliance und ethische Standards sicher.
• Smart Contract Architect & Category Innovator: Entwickelt intelligente, flexible Verträge und treibt Innovationsstrategien in Warengruppen voran. KI-Agenten übernehmen zunehmend operative und taktische Tätigkeiten – von Ausgabenanalysen über RFx-Erstellung bis hin zu Risikofrüherkennung und Vertragsmanagement. Die menschlichen Rollen verschieben sich auf adaptive, kontextuelle und verantwortungsvolle Tätigkeiten, während routinisierte Aufgaben automatisiert werden. Entscheidender als die Berufsbezeichnung ist dabei der Charakter der Tätigkeit: Menschen übernehmen weiterhin kreative, strategische, sozial-interaktive und ethisch verantwortungsvolle Aufgaben.

Skills der Zukunft im Detail
Die Kompetenzen, die für die Zukunft des Einkaufs entscheidend sind, lassen sich in mehrere Kategorien unterteilen:
1. Digital Mindset: Ein digitales Mindset wird zur zentralen Erfolgsbedingung. Dazu gehören kontinuierliches Lernen, Offenheit für Innovationen, Datenorientierung, Kollaboration sowie die Bereitschaft, Veränderung als Konstante zu akzeptieren. Mitarbeiter müssen in der Lage sein, neue Technologien zu verstehen, auszuprobieren und sinnvoll einzusetzen.
2. Daten- und Analysekompetenz: Analytische Fähigkeiten werden immer wichtiger. Die Mitarbeitenden müssen Daten aus internen und externen Quellen auswerten, Trends erkennen und daraus strategische Entscheidungen ableiten. Kenntnisse in Statistik, Data Analytics, über KI-Modelle und Entscheidungsunterstützungssystemen sind unerlässlich.
3. Strategisches Denken und Business Partnering: Einkaufsteams werden enger in Geschäftsbereiche integriert. Sie übernehmen die Rolle strategischer Partner, entwickeln Warengruppenstrategien, gestalten Lieferantennetzwerke und tragen zur Innovationskraft des Unternehmens bei.
4. Change- und Stakeholder-Management: Veränderungsbereitschaft und die Fähigkeit, Wandel aktiv zu gestalten, sind zentrale Fähigkeiten. Dazu gehört auch die Steuerung von Projekten, die Koordination unterschiedlicher Stakeholder und das Management von Risiken in einer zunehmend dynamischen Umgebung.
5. Technologiekompetenz: Mitarbeitende müssen digitale Tools als «Kollegen» einsetzen können, nicht nur als Werkzeuge. Dazu gehört die Fähigkeit, KI-Agenten zu steuern, Smart Contracts zu entwickeln und digitale Plattformen effektiv zu nutzen.
6. Soft Skills: Kommunikationsfähigkeit, Storytelling, Kollaboration, Agilität und Empathie bleiben unerlässlich. Selbst in einer von KI dominierten Arbeitswelt sind diese menschlichen Kompetenzen ausschlaggebend, insbesondere für komplexe Verhandlungen, Risikobewertungen oder kreative Problemlösungen.
Das Target Operating Model (TOM) der Zukunft
KI beeinflusst alle Dimensionen des Einkaufs-TOM: Strategie, Organisation, Prozesse, Governance und Technologie. Neue Governance-Mechanismen, klare Verantwortlichkeiten für KI-Agenten sowie strengere Validierungs- und Kontrollprozesse minimieren Risiken wie Bias oder Fehlentscheidungen. Hybride Teams aus Menschen und KI steigern gemeinsam Geschwindigkeit, Qualität und Innovationskraft. Die Arbeitsweise der Zukunft erfordert kleinere, hoch qualifizierte Teams, die dezentral in die Geschäftsbereiche eingebettet sind. Prozesse werden automatisiert, Workflows neu definiert und die technologische Infrastruktur kontinuierlich angepasst, um maximale Effizienz und Transparenz zu gewährleisten.
Veränderungsbegleitung als Erfolgsfaktor
Die Transformation des Einkaufs ist kein reines IT-Projekt, sondern ein Organisations- und Kulturwandel. Erfolgreiche Veränderungsbegleitung fördert die Zusammenarbeit über Abteilungsgrenzen hinweg, stärkt interne und externe Partnerschaften und etabliert offene Kommunikationsstrukturen. Nur so kann der Einkauf sein volles Potenzial als strategischer Werttreiber entfalten.
Fazit: Kompetenzen als neue Währung
Die Kompetenzen sind die zentrale Währung der Zukunft. Unternehmen, die heute in Skills, Daten und ein digitales Mindset investieren, positionieren ihren Einkauf als Gestalter von Resilienz, Innovation und nachhaltigem Unternehmenserfolg. Strategisches Denken, Datenkompetenz, digitale Werkzeuge, Change-Fähigkeit und Soft Skills bilden dabei das Fundament. Wer diese Fähigkeiten frühzeitig entwickelt und KI als Partner einbindet, sichert sich nicht nur Wettbewerbsvorteile, sondern gestaltet aktiv die Arbeitswelt von morgen.

Oliver Engelbrecht ist ein selbstständiger Einkaufsexperte mit über 20 Jahren Erfahrung in Financial Services sowie in branchenund themenübergreifender Beratung. Zu seinen Stationen zählen unter anderem Einkaufsleiter bei SIX, Verantwortung für Future-ready Inhouse Procurement TOM Themen sowie die Rolle als Head of Category Technology CH & UK bei KPMG. Darüber hinaus berieter unter anderem Unternehmen zu Procurement-Transformationen im Banken- und Gesundheitswesen und sammelte weitere internationale Erfahrung bei UBS und Mercedes-Benz. Seine fachlichen Procurement-Schwerpunkte liegen in Sourcing, Transformation, TPRM, Digitalisierung und AI, ergänzt durch fundierte Expertise in Leadership- und Steuerungsthemen. Ein zentraler USP ist seine ausgeprägte Sales-Perspektive, die er aus Tätigkeiten als Marktverantwortlicher und Sales-Berater mitbringt und gezielt zur Steigerung des Einkaufswerts einsetzt. Darüber hinaus engagiert er sich seit vielen Jahren aktiv im Verbands- und Hochschulumfeld.