Nachhaltigkeit: vom Hype zur Umsetzung
Publiziert am

Foto: Adobe Stock
Noch vor wenigen Jahren dominierte Nachhaltigkeit die Diskussion im Einkauf. ESG, Net Zero und Lieferkettengesetze prägten Konferenzen und Strategien. Unternehmen entwickelten Klimaziele und integrierten ökologische sowie soziale Kriterien in ihre Beschaffung. Heute hat sich der Fokus verschoben. Einkaufsabteilungen beschäftigen sich mit steigenden Rohstoffpreisen, geopolitischen Spannungen, Handelskonflikten und der Frage, wie Lieferketten widerstandsfähiger werden. Allesamt Themen, die laut einem aktuellen Trendbericht der Firma Elisa Industriq zu den prägenden Supply-Chain- Themen des Jahres 2026 zählen.
Europa stärker unter Druck
Welchen Platz hat hier die Nachhaltigkeit noch? «Trotz regulatorischer Volatilität, geopolitischer Verschiebungen und wirtschaftlicher Unsicherheit bleibt Nachhaltigkeit ein zentraler Treiber unternehmerischen Erfolgs und ein prägendes Element moderner Lieferketten », fasst die Autorenschaft des «State of Supply Chain Sustainability»-Reports zusammen. Befragt wurden 1’200 Expertinnen und Experten aus 97 Ländern. Auffällig ist, dass sich Unternehmen in Europa (60,7%) sowohl im globalen Vergleich (46,6%) als auch im Vergleich zu den USA (44%) stärker unter Druck fühlen, Veränderungen im Bereich Nachhaltigkeit voranzutreiben. Den Grund dafür sieht die Autorenschaft vor allem in den unterschiedlichen regulatorischen Rahmenbedingungen. Während die Europäische Union mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), der Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) und weiteren Vorgaben den Druck auf Unternehmen erhöht, sind vergleichbare Sorgfaltspflichten in den USA deutlich weniger ausgeprägt.
Nachhaltigkeit wird zum Wettbewerbsfaktor
Und wie sieht es in der Schweiz aus? Gemäss der «State of Procurement»-Studie der Fachhochschule Graubünden gewinnt das Thema Nachhaltigkeit im Einkauf auch hierzulande strategisch an Bedeutung. Der Anteil der Unternehmen, die Nachhaltigkeit zu einer ihrer drei wichtigsten Prioritäten zählen, stieg von 35 Prozent (2023) auf 52 Prozent (2024). 2025 gaben rund 64 Prozent der Teilnehmenden zudem an, ESG-Kriterien in der Unternehmensstrategie verankert zu haben. Spannend: Regulatorische Anforderungen im Einkauf werden laut den Autoren «zunehmend als Orientierungsrahmen und nicht als Hindernis wahrgenommen».
Von der Strategie in den Beschaffungsalltag
Ob Nachhaltigkeit im Unternehmen tatsächlich gelebt wird, zeigt sich jedoch nicht nur in Leitbildern oder Strategiepapieren, sondern vor allem im Beschaffungsalltag. Welche Kriterien fliessen in Ausschreibungen ein? Wie werden Lieferanten bewertet? Und wie lassen sich ökologische, soziale und wirtschaftliche Anforderungen miteinander vereinbaren? Genau hier zeigt sich, ob Nachhaltigkeit nicht nur auf dem Papier, sondern auch unter wirtschaftlichem Druck Bestand hat. Wie das aussehen kann, zeigt ein Beispiel aus Basel. Der Energieversorger IWB hat sich 2020 zum Ziel gesetzt, bis 2025 im Bereich der nachhaltigen Beschaffungen zu einem führenden Energieversorger der Schweiz zu werden. Auch angesichts geopolitischer Entwicklungen, volatiler Energiemärkte und steigender regulatorischer Anforderungen versteht das Unternehmen Nachhaltigkeit nicht als Gegensatz zu Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit, sondern als festen Bestandteil einer verantwortungsvollen Beschaffung. «Nachhaltigkeitskriterien sind heute systematisch in unseren Beschaffungsprozessen verankert und bleiben auch unter anspruchsvollen Marktbedingungen ein wichtiger Bestandteil unserer Entscheidungen.
Wir sind überzeugt, dass Lieferanten, die nachhaltig aufgestellt sind, auch resilienter und krisenfester sind», sagt Roberto Grimm, Leiter Einkauf & Immobilien.
Transparenz weiter erhöhen
Um seine Ziele zu erreichen, hat IWB ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept erarbeitet. «Wichtigster Aspekt war die Erarbeitung eines umfassenden Katalogs von Nachhaltigkeitskriterien, welche in Ausschreibungen berücksichtigt werden können. Parallel dazu wurde ein umfassender Lieferantenbewertungsprozess aufgesetzt, um die Risiken und Chancen in unserer Lieferkette frühzeitig zu identifizieren », so Grimm. 2025 wurden bei 82 Prozent aller IWB-Ausschreibungen Nachhaltigkeitskriterien angewendet, vor allem aus den Bereichen Umwelt, Energie und Kreislaufwirtschaft. Im EcoVadis Nachhaltigkeitsrating erreichte IWB 2025 erneut das Gold-Label und verbesserte sich gegenüber dem Vorjahr um vier Punkte. «Unser Anspruch ist es, Transparenz in den Lieferketten weiter zu erhöhen und die Nachhaltigkeitsanforderungen mit unseren Lieferanten weiterzuentwickeln.»
Von der Vision zur Alltagsintegration
Hierzu werden auch die Lieferanten selbst befragt und bewertet. Grundlage für die Bewertung bilden warengruppen- und themenspezifische Fragebögen, die gemeinsam von Einkauf und Fachbereichen bewertet werden. Die Ergebnisse werden den Lieferanten transparent zurückgespielt. Werden definierte Zielwerte nicht erreicht, werden gemeinsam Verbesserungsmassnahmen festgelegt. Für die Bewertung der Nachhaltigkeitsleistung nutzt IWB die Plattform IntegrityNext. Seit 2024 müssen sich alle Zuschlagsempfänger dort registrieren und ein Self Assessment durchführen.
«Die Self Assessments sind in wenigen Stunden durchgeführt und geben uns einen transparenten Überblick, wo unsere Lieferanten stehen», erklärt Grimm. Die Akzeptanz sei insgesamt hoch, auch wenn es vereinzelt Überzeugungsarbeit brauche. Der Ansatz entspricht einem Trend, den auch aktuelle Studien beschreiben: Nachhaltigkeit entsteht nicht durch einzelne Vorgaben, sondern durch die kontinuierliche Weiterentwicklung von Lieferanten und langfristige Partnerschaften. •

Désirée Klarer ist freie Journalistin aus Zürich und schreibt gerne über Themen, die bewegen, und interviewt dazu jene, die etwas zu sagen haben. Wie das geht, hat sie im Bachelorstudium Journalismus und Organisationskommunikation an der ZHAW gelernt. Später hat Désirée an der HSLU einen Master in digitalem Marketing absolviert.