KI im Einkauf – aus Sicht von Kündig

KI im Einkauf – aus Sicht von Kündig

Publiziert am Autor: Christian Amstutz

Die Lebensmittelbranche steht vor enormen Herausforderungen: volatile Rohstoffmärkte, Lieferengpässe und steigende Nachhaltigkeitsanforderungen. Aus Sicht von Kündig könnte Künstliche Intelligenz (KI) konkrete Lösungen bieten, um Beschaffungsprozesse nicht nur effizienter, sondern auch resilienter zu gestalten. Intelligente Systeme wären in der Lage, Millionen von Datenpunkten in Echtzeit zu analysieren – etwa Wetterdaten, politische Entwicklungen, Transportrouten, historische Preismuster und Marktstimmungen. Daraus könnten Algorithmen präzise Vorhersagen über mögliche Lieferengpässe und Preisentwicklungen ableiten – oft Wochen oder Monate im Voraus.

Intelligente Bedarfsplanung: Weniger Verschwendung, mehr Planungssicherheit

Ein zentraler Kostentreiber in der Lebensmittelindustrie bleibt die Diskrepanz zwischen Prognose und tatsächlicher Nachfrage. Bei Kündig schliessen wir Kontrakte mit unseren Kunden über eine prognostizierte Jahresabverkaufsmenge ab und müssen sicherstellen, dass stets genügend Ware verfügbar ist. Mehrverkäufe müssen abgedeckt werden, für geringere Abverkäufe müssen alternative Absatzwege gefunden werden. Das Risiko ist hoch, da die Verfügbarkeit der Rohwaren meist nur zum Erntezeitpunkt gegeben ist. Hinzu kommen Anforderungen an Ursprung, Qualität, Sozialstandards und Lebensmittelsicherheit. Kaufen wir zu viel ein, entstehen hohe Lagerkosten; kaufen wir zu wenig, können wir den Bedarf nicht decken. KI-gestützte Systeme könnten anhand täglicher Abverkaufszahlen und externer Faktoren wie Wetter, lokale Events oder Social-Media-Trends die Bedarfsplanung revolutionieren. Anders als traditionelle Methoden würden solche Systeme kontinuierlich aus vergangenen Mustern lernen und externe Einflüsse einbeziehen.

Qualitätskontrollen in Echtzeit

Die Lebensmittelsicherheit hat für Kündig oberste Priorität. Mikrobiologische Parameter schwanken von Ernte zu Ernte. KI-basierte Bilderkennungssysteme könnten hier einen fundamentalen Wandel bewirken: Hochauflösende Kameras würden eingehende Waren erfassen und Qualitätsmängel in Sekundenbruchteilen identifizieren. Solche Systeme könnten nicht nur offensichtliche Defekte wie Schimmel erkennen, sondern auch subtile Qualitätsunterschiede, die erst später problematisch werden. Der Vorteil einer KI-gestützten Qualitätskontrolle läge in einer umfassenderen, objektiven Bewertung der gesamten Ware.

Der Mensch bleibt zentral

Trotz aller technologischen Möglichkeiten bleibt die Expertise erfahrener Einkäufer bei Kündig zentral. KI-Systeme könnten Daten, Muster und Empfehlungen liefern – die strategischen Entscheidungen treffen aber weiterhin Menschen. Für uns bedeutet das: Datenverständnis, Technologieaffinität und strategisches Denken werden noch wichtiger. Persönliche Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen bleiben entscheidend für langfristige, erfolgreiche Partnerschaften. KI kann beide Seiten mit umfassenderen Daten unterstützen, ersetzt aber nicht das menschliche Miteinander.

Limitationen und Herausforderungen von KI

Trotz des grossen Potenzials stösst KI in der Praxis auf mehrere Herausforderungen. Ein zentrales Problem liegt in der Qualität und Herkunft der verwendeten Daten. KI-Systeme greifen häufig auf öffentlich verfügbare oder historische Informationen zurück, die unvollständig, veraltet oder nicht verifiziert sind. Dadurch könnten falsche Schlussfolgerungen entstehen oder unpassende Lieferantenempfehlungen gemacht werden. Zudem fehlt KI oft das tiefere Verständnis für geschäftliche Zusammenhänge, Marktmechanismen und kulturelle oder vertragliche Feinheiten, die im professionellen Einkauf entscheidend sind. Auch Sprachmodelle können Informationen «halluzinieren», also plausible, aber inhaltlich falsche Aussagen generieren. Ursache ist, dass die KI Muster aus Trainingsdaten ableitet, ohne den Wahrheitsgehalt der Quellen selbstständig zu überprüfen. Daher ist eine kritische Prüfung der KI-Ergebnisse durch erfahrene Einkäufer unerlässlich. Nur durch die Kombination von datengetriebener Analyse und menschlichem Urteilsvermögen lässt sich die Qualität von Einkaufsentscheidungen nachhaltig verbessern.

Unser aktueller Stand bei Kündig

Wir bei Kündig verfolgen bereits einige KIProjekte und haben erste Pilotanwendungen gestartet. In der Umsetzung sind wir jedoch noch nicht so weit, wie wir es uns wünschen würden. Die Integration neuer Technologien in bestehende Prozesse erfordert Zeit, Ressourcen und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. Wir sind überzeugt, dass KI uns in Zukunft wertvolle Unterstützung bieten wird – aber der Weg dorthin ist anspruchsvoll und verlangt Geduld sowie kontinuierliche Weiterentwicklung.

Christian Amstutz

Christian Amstutz ist seit Januar 2023 Teamleader des Tiefkühlbereichs bei der Firma W. Kündig & Cie AG. In dieser Funktion verantwortet er den gesamten Prozess vom Einkauf der Rohwaren über die Umsetzung der kundenspezifischen Anforderungen (Private Label) bis hin zum Verkauf.

christian.amstutz@kuendig.com

Themen und Schlagwörter