Unsicherheit in der internationalen Beschaffung

Unsicherheit in der internationalen Beschaffung

Publiziert am Autor: Nunzio Pulice

Die internationale Beschaffung im Aussenhandel basiert auf klar definierten Strukturen, systematischer Planung und standardisierten Prozessen. Zentrale Instrumente wie die Bedarfsplanung, das Lieferantenmanagement, vertragliche Regelungen und Logistikkonzepte verfolgen das Ziel, langfristig Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Qualität zu gewährleisten. Die praktische Erfahrung zeigt jedoch, dass selbst sehr gut strukturierte Beschaffungssysteme regelmässig mit schwer vorhersehbaren Störungen konfrontiert sind.

Im internationalen Umfeld treten diese Herausforderungen besonders deutlich auf. Globale Lieferketten sind heute mit einer Vielzahl externer Einflussfaktoren konfrontiert, welche die Planbarkeit erheblich erschweren. Entscheidend ist daher nicht die Frage, ob es zu Abweichungen von der Planung kommt, sondern in welchem Mass Unternehmen in der Lage sind, diese professionell, systematisch und lösungsorientiert zu bewältigen.

Meine beruflichen Erfahrungen in verschiedenen Bereichen der internationalen Beschaffung zeigen, wie unterschiedlich die Anforderungen je nach Branche sind. In stark regulierten Sektoren wie der pharmazeutischen Industrie spielen Compliance, Rückverfolgbarkeit und die Sicherstellung der Lieferfähigkeit eine zentrale Rolle. Im Lebensmittelhandel und im kommerziellen Umfeld hingegen sind Preisvolatilität, kurzfristige Nachfrageschwankungen und die Verfügbarkeit von Rohstoffen besonders wichtig. Trotz dieser Unterschiede besteht eine gemeinsame Erkenntnis: Planung ist notwendig, reicht jedoch allein nicht aus, um eine stabile internationale Beschaffung sicherzustellen. 

Empirische Studien und internationale Risikoanalysen, darunter der Global Risks Report des World Economic Forum und das Allianz Risk Barometer, bestätigen die wachsende Bedeutung geopolitischer, regulatorischer und klimatischer Risiken für globale Lieferketten. Diese Risiken sind nicht theoretischer Natur, sondern haben konkrete Auswirkungen auf Kostenstrukturen, Lieferfähigkeit, Produktqualität und die Unternehmensreputation.

 Auch das makroökonomische Umfeld unterstreicht diese Entwicklung. Laut dem World Economic Situation and Prospects 2026 der UNCTAD verlangsamt sich das globale Wirtschaftswachstum und bleibt unter dem durchschnittlichen Niveau vor der Pandemie. Trotz eines Rückgangs der Inflation bleibt der Kostendruck hoch, während Investitionen verhalten bleiben und der Welthandel durch zunehmende Handelsbarrieren sowie politische Unsicherheiten belastet wird. Diese Rahmenbedingungen erhöhen die Komplexität der internationalen Beschaffung und erfordern eine stärkere strategische Ausrichtung. 

Eine erfolgreiche internationale Beschaffung erfordert daher die Fähigkeit, auch unter Bedingungen erhöhter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Erfahrung, kontinuierliche Weiterbildung und ein strukturiertes Risikomanagement unterstützen fundierte Entscheidungen und stärken die Resilienz globaler Lieferketten. In diesem Kontext entwickelt sich die internationale Beschaffung immer mehr von einer operativen Funktion zu einem strategischen Steuerungsinstrument, das wesentlich zur Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen im Aussenhandel beiträgt. 

Nunzio Pulice

Nunzio Pulice ist Product Manager Gastronomie bei Migros Tessin. Er verfügt über internationale Erfahrung in der Hotellerie – auch ausserhalb Europas –, wo er seine Sprachkenntnisse erweitern konnte. Mehrere Jahre war er als Einkaufsleiter in der pharmazeutischen Industrie tätig. Anschliessend arbeitete er in Zürich im Lebensmittelimport und absolvierte dort das eidgenössische Diplom als Einkaufsleiter.

nunzio05@gmail.com

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